Die „Aufmerksame Ausstellung" oder ein Museum als Bildungsort
Mitten in der Lübecker Altstadt liegt das denkmalgeschützte Willy Brandt Haus.
Im Erdgeschoss der Königstraße 21 betreibt die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung eine ständige Ausstellung zum politischen Leben Willy Brandts, die der Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich ist.
Die Stiftung ist eine rechtsfähige bundesunmittelbare Stiftung des öffentlichen Rechts und wurde im Jahr 1994 durch den Deutschen Bundestag per Bundesgesetz errichtet.
Die Ausstellung will einen Zugang zur deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts öffnen und deren Verlauf entlang der politischen Biografie Willy Brandts verstehen und bewerten helfen.
Bei der Erarbeitung des Ausstellungskonzeptes wurde die [j]karef gmbh zu einem sehr frühen Zeitpunkt in die Planungen mit einbezogen. Die Konzepterstellung war neben materiellen Bedingungen und Vorgaben zu Ausstellungsinhalten bestimmt von Erkenntnissen aus Tourismusstudien und Museumsmarketing, didaktischen Überlegungen sowie der jahrelangen internen Erfahrung mit der ständigen Ausstellung im Rathaus Schöneberg in Berlin.
Die Herausforderung bei den Planungen für das Willy-Brandt-Haus Lübeck lag in dem erklärten Willen, unterschiedliche Besuchergruppen und deren Interessen bei einem Ausstellungsbesuch zu berücksichtigen und eine moderne Dauerausstellung mit Veränderungs- und Aktualisierungsmöglichkeiten zu schaffen. Nicht zuletzt soll die Betriebsfähigkeit bei eng gesetzten personellen und finanziellen Ressourcen sicher gestellt sein. In der Praxis hieß das auch, die Grenzen des Machbaren aufgrund der materiellen Rahmenbedingungen anzuerkennen und nach Lösungen zu suchen.
Das unter Mithilfe von [j]karef entwickelte Konzept der „Aufmerksamen Ausstellung" nutzt die technischen Möglichkeiten modernen Gebäudemanagementes, um den gestellten Anforderungen gerecht zu werden.
Sein Kern besteht in der Vernetzung aller technischer Komponenten der Ausstellung, die eine ‚individuelle' Reaktion auf Besucher ermöglicht. Neben Hör-, Film und Vertiefungsstationen sind alle elektrischen Verbraucher des Gebäudes also auch die Beleuchtung und der Raumton, zentral über eine Software ansteuerbar. Damit lassen sich in Verbindung mit multimedialen Elementen auch Inszenierungswechsel über Licht und Raumton realisieren. Unterschiedliche Besucherszenarien oder Lernpfade können programmiert werden, deren automatischer Ablauf jederzeit nach Vorgaben des museumspädagogischen Personals verändert werden kann.
Dieses komplex anmutende Zusammenspiel technischer Komponenten wird durch erprobte und seit vielen Jahren eingesetzte Gebäudeleittechnik möglich. Schaltaktoren und Sensoren sind über ein so genanntes Installationsbussystem miteinander vernetzt. Dies ermöglicht unter anderem den kostengünstigen Einsatz von RFID-Empfängern, mit deren Hilfe an den Multimediastationen unterschiedliche Inhalte für verschiedene Zielgruppen abrufbar sind. Besucher der Ausstellung können heute zwischen verschiedenen Angeboten wählen. Es stehen Führungen in verschiedenen Sprachen für Kinder, Erwachsene oder Jugendliche zur Verfügung, die durch Annäherung der Eintrittskarte an den Vitrinen per Funk ausgelöst werden. Diese Eintrittskarten sind mit einem RFID-Chip ausgestattet, der eine eindeutige ID an die Vitrine sendet. Der Ausstellungsserver identifiziert die Karte und sendet den vorab gebuchten Inhalt an die Multimediastation. Über ein eigenes Redaktionssystem können die Inhalte der Stationen über einen Webbrowser von jedem beliebigen Arbeitsplatz aus zusammengestellt werden. Dabei ist auch ein Arbeiten von entfernten Rechnern aus möglich. Die auf diese Weise erstellten Programme können einzelnen RFID-Karten zugeordnet werden. Museumsguides können auf einfache Weise individuelle Führungen mit multimedialen Inhalten anlegen und speichern, die sie dann an den vorgesehenen Stationen durch unterschiedliche Karten abrufen können. Über ebenfalls verfügbare Infrarotsender können diese Inhalte während einer Führung individuell gesteuert werden.
Schon zu Beginn der Planungen hatte diese Funktionalität einen hohen Stellenwert. Ziel war, Pädagogen mit vorbereiteten Unterrichtsmaterialien in ihrer Arbeit zu unterstützen. Im Anschluss an eine von Museumspädagogen vorbereitete Führung, kann die Gruppe die Ausstellung individuell durchlaufen. Anhand der RFID-Karten erkennt das System die Mitglieder einer Gruppe und stellt die vorbereiteten Inhalte zur Verfügung.
Neben Film- und Audiomaterialien können Texte und Bilder zu zusammenhängenden Programmen verknüpft werden. Jedes Programm kann darüber hinaus alle für eine Vitrine zur Verfügung stehenden elektrischen Verbraucher steuern. Lichtszenen oder die Verdunklung eines Raumes sind in Abhängigkeit zum Inhalt steuerbar. Über einen eigenen Frageneditor kann eine abschließende Lernerfolgskontrolle durchgeführt werden. Die Ergebnisse der Quizfragen werden gesammelt und können im Anschluss ausgewertet werden.
Umfangreiche Statistikfunktionen runden die technischen Möglichkeiten der Ausstellung ab. Anhand der zur Verfügung stehenden Nutzungsstatistik kann jederzeit auf veränderte Ansprüche der Besucher reagiert werden.
Die Ausstellung ist jetzt seit 10 Monaten im Betrieb und hat mehr als 35.000 Besucher begeistert.
Das Angebot wird besonders von Gruppen erfolgreich genutzt.
Dieser Text enthält Auszüge aus der Veröffentlichung „Aufklärung, Bildung, 'Histotainment'?
Zeitgeschichte in Unterricht und Gesellschaft heute" von Julia Hornig.



















