Brasilien

Die unterschätzte Cyber-Supermacht

 

Brasilien hat einiges an Höchstleistungen zu bieten. Neben dem Amazonas ist wenig darüber bekannt, wie stark brasilianische Hacker weltweit aktiv sind, um Gegner auszuspionieren oder Infrastrukturen lahmzulegen. 20 % aller Attacken gegen China kommen alleine aus Brasilien — zum Vergleich: nur 4,4 % aller Attacken gegen die USA und Europa kommen aus China (Quelle: Cloudflare). Ein Verhältnis, das die geopolitische Wahrnehmung von Cyberbedrohungen grundlegend in Frage stellt.

Denn während westliche Medien reflexartig auf Russland, China oder Nordkorea zeigen, wenn es um staatlich gesteuerte Hackerangriffe geht, läuft im Hintergrund eine ganz andere Macht zur Hochform auf. Lateinamerika verzeichnet das weltweit schnellste Wachstum bei Cyberbedrohungen — Unternehmen in der Region sind Anfang 2025 durchschnittlich 2.569 Angriffen pro Woche ausgesetzt, fast 40 % mehr als der globale Durchschnitt. Ptsecurity Das Epizentrum dieser Aktivität: Brasilien.

 
Mehr als ein Opfer — Brasilien als Akteur

Das Land wird in der öffentlichen Debatte fast ausschließlich als Ziel von Angriffen dargestellt. Brasilien ist laut dem Cyberthreats Report H1 2025 von Acronis das am zweitstärksten von Malware angegriffene Land weltweit, knapp hinter Indien. Doch diese Opferrolle ist nur die halbe Wahrheit.

Eine dokumentierte Spionagekampagne der Agência Brasileira de Inteligência (ABIN) zielte auf paraguayische Regierungsbeamte während sensibler Verhandlungen über den Itaipu-Staudamm — und löste diplomatische Spannungen zwischen Brasilien und Paraguay aus. Industrial Cyber Der Itaipu-Staudamm erzeugt 88 % des paraguayischen Stroms und 11 % des brasilianischen, mit jährlichen Einnahmen von über 1,3 Milliarden Dollar. The Rio Times Für Brasilien standen also handfeste wirtschaftliche Interessen auf dem Spiel — und die ABIN lieferte sich den nötigen Informationsvorsprung durch digitale Mittel.

Brasiliens Außenministerium bestätigte, dass die Regierung unter Jair Bolsonaro die Spionageoperationen autorisiert hatte. Sie wurden erst am 27. März 2023 eingestellt, als die neue Regierung Lula da Silva den ABIN-Direktor austauschte. 

Ein Geheimdienst mit globaler Reichweite

ABIN unterhält 18 Büros weltweit — unter anderem in China, Russland, den USA, Deutschland, Frankreich, Japan und Indien. Grey Dynamics Was offiziell als Informationsaustausch deklariert wird, bietet gleichzeitig die logistische Infrastruktur für nachrichtendienstliche Operationen weit jenseits der brasilianischen Grenzen.

Dabei ist der staatliche Geheimdienst nur eine Ebene des Problems. Seit der Fußball-WM 2014 hat Brasilien den Einsatz von Spionagesoftware kontinuierlich ausgebaut. Die Bolsonaro-Regierung intensivierte diese Beschaffungen erheblich und erweiterte dabei das brasilianische Geheimdienstsystem SISBIN, das verschiedene Behörden zur gemeinsamen Nutzung sensibler Informationen zusammenführt. Brasil de Fato

Banking-Trojaner, Botnets, organisierte Cyberkriminalität

Abseits der staatlichen Ebene existiert in Brasilien ein hochentwickeltes Ökosystem für Cyberkriminalität. Brasilien belegt seit Jahren Spitzenplätze in globalen Cyberkriminalitätsrankings — insbesondere bei Botnets, Bankbetrug und Financial Malware. 2014 stufte Kaspersky Lab Brasilien als weltweite Nummer eins bei Banking-Malware-Angriffen ein, mit fast 300.000 kompromittierten Nutzern. Instituto Igarapé

Brasilianische Organisationen machten von 2023 bis 2024 fast ein Fünftel aller Cyberangriffe in der lateinamerikanischen Region aus. Industrial Cyber Ransomware-Gruppen wie LockBit, Play und 8Base haben brasilianische Akteure als Partner oder Ursprung identifiziert. Bis zu 65 % der in Brasilien befragten Organisationen berichteten von Ransomware-Angriffen — ein deutlich höherer Wert als in Mexiko oder Kolumbien mit je 44 %. Statista

Das Paradox: Angreifer und Angegriffener zugleich

Brasilien ist damit in einer selten diskutierten Doppelrolle: ein Land, das gleichzeitig zu den größten Cyberangriffs-Ursprungsländern und zu den meistangegriffenen Nationen der Welt gehört. Brasiliens Cyberabwehrkapazitäten innerhalb der Streitkräfte gelten als die stärksten in ganz Lateinamerika — doch intern mangelt es noch immer an Grundlegendem. Ein brasilianischer Sicherheitsgeneral fasste es so zusammen: "In brasilianischen Institutionen ist der Reifegrad in dieser Hinsicht noch sehr niedrig. Es gibt viele, die Systeme nutzen, die nicht aktuell sind — und das ist eine Schwachstelle."

Während die Welt auf Beijing und Moskau schaut, wächst im Schatten des Regenwaldes eine digitale Macht heran, die nach denselben Regeln spielt — nur weitaus weniger unter Beobachtung steht.